Es war ein ganz normaler Tag beim Kadertraining. Pferde schnaubten. Irgendwo klackte ein Huf gegen die Bande. Stallgeruch hing in der Luft – Leder, Heu, ein bisschen Staub.
Und dann sagte jemand hinter mir: „Der Reiter da hinten – weißt du, wie schwierig der ist?“
Und damit war es passiert. Dieser eine Satz. Und ab diesem Moment schaue ich auf eine Person, die ich noch nie gesprochen habe – und sehe schon das Etikett, welches jemand anderes aufgeklebt hat. Bevor ich auch nur „Hallo“ gesagt habe.
Kennst du das?
Das Etikett lügt. Immer ein bisschen.
„Schwieriger Mensch“ klingt wie eine sachliche Beschreibung. Ist es aber nicht.
Es ist eine Zuschreibung. Eine, die aus einer bestimmten Beziehungsdynamik entstanden ist – zwischen zwei konkreten Menschen, in einem konkreten Kontext, zu einem konkreten Zeitpunkt. Sie beschreibt eigentlich weniger die Person als vielmehr die Reibung zwischen zwei Menschen.
Trotzdem klebt das Etikett. Weil es bequem ist.
Es macht kurzen Prozess. Es erklärt, warum man sich unwohl fühlt. Und es lagert die Verantwortung dafür elegant aus – rüber zu der anderen Person.
Was „schwierig" meistens wirklich bedeutet
Wenn ich ehrlich bin meine ich mit „Schwierig“ meistens gar nicht die Person, sondern eines von diesen Dingen:
- Die Person weicht von dem ab, was ich für normal halte
- Sie zeigt Gefühle, die ich lieber nicht sehen würde
- Sie priorisiert ihre eigenen Bedürfnisse – sichtbarer als ich es gewohnt bin
- Sie ist weniger kompromissbereit als erwartet
- Sie reguliert Nähe und Distanz anders als ich
Das alles sind Beschreibungen von Verhalten. Keine Aussagen über den Wert eines Menschen.
Aber wir Menschen vermischen das ständig. Und dann wird aus „der macht manchmal komische Sachen“ ganz schnell „der ist einfach schwierig“. Fertig. Schublade zu.
Die unbequeme Gegenfrage
Hier kommt der Teil, den ich selbst manchmal nicht hören will.
Was, wenn das, was mich an einem Menschen triggert, auch etwas mit mir zu tun hat?
Eine Bekannte sagte mal, ich wirke im ersten Moment kühl, schwer einzuschätzen. Was sie eigentlich beschrieb: Ich beobachte zuerst. Ich schaue, ob ein Raum sicher ist. Und dann bin ich sehr direkt.
Trotzdem habe ich meine eigene Brille. Und ich weiß das.
Im Reitstall gab es einen Psychologen mit eigenen Pferden. Wortkarg. Introvertiert. In Ruhe lassen – so hatte ich ihn eingeschätzt. Ich hatte ihn nie angesprochen. Kein schlechtes Etikett. Aber eben doch eines.
Eines Abends saßen wir beide im Reiterstübchen nebeneinander am Tresen. Die älteren Herren redeten über verschiedene Personen aus dem Verein. Die Kommentare wurden schärfer. Irgendwann hatte ich genug und sagte: „Wenn man sich ansieht, wie Menschen miteinander umgehen – wie soll man da erwarten, dass sie mit Tieren anders umgehen würden?“
Er drehte sich zu mir um. „Wie kommt eine junge Frau wie Sie zu so einer Aussage?“
Ich hatte ihn für jemanden gehalten, der nichts sagt. Doch er war jemand, der wartet – bis es etwas zu sagen gibt.
Danach war er einer meiner liebsten Begleiter im Stall. Der Einzige, mit dem ich beim Ausreiten wirklich schweigen und in anderen Situationen wirklich tiefe, ehrliche Gespräche führen konnte.
Meine Brille besteht aus meiner Biografie, meinen eigenen wunden Punkten, meinen Werten, meinem aktuellen Stresslevel. Und die meisten davon sind mir nicht mal bewusst.
Das heißt nicht, dass ich schuld bin, wenn eine Beziehung schwierig ist. Aber es heißt: Ich bin nicht der neutrale Beobachter, der ich glaube zu sein.
Verstehen ist nicht dasselbe wie gutheißen
Jetzt kommt der Punkt, an dem ich meistens gefragt werde: „Aber was ist mit echten Arschlöchern?“
Ich glaube nicht, dass alle Verhaltensweisen entschuldigt werden müssen, nur weil man sie versteht. Das wäre naiv und manchmal sogar gefährlich.
Aber Verstehen erweitert den Handlungsspielraum. Es macht aus einer Abwertung eine Neugier. Und Neugier öffnet Türen, die Abwertung für immer schließt.
Der kontrollierende Reiter, der bei jedem Training eine Meinung zu allem hat? Vielleicht hat er gelernt, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet – weil irgendwann in seinem Leben Kontrollverlust sehr wehgetan hatte.
Der distanzierte Reiter, der nie so wirklich ansprechbar wirkt? Vielleicht hat Nähe für ihn irgendwann Verletzung bedeutet.
Ich kann das nachvollziehen – und trotzdem meine Grenzen setzen. Beides geht.
Was ich lieber tue als etikettieren
Wenn mich jemand triggert, stelle ich mir inzwischen eine Frage, die ich von dem Psychologen gelernt habe:
„Was hat diese Person erlebt, damit sie so geworden ist?“
Das klingt erstmal nach viel Aufwand für jemanden, der mich nervt. Ich weiß.
Aber es ist kein Akt der Großzügigkeit gegenüber der anderen Person. Es ist einer gegenüber mir selbst. Weil es mich aus der Opferrolle holt. Weil es mir zeigt, wo ich tatsächlich Einfluss habe – und wo nicht. Und weil es verhindert, dass ich meine Energie damit verschwende, jemanden für „schwierig“ zu halten, statt die eigentliche Dynamik zu lösen.
Die unvollständige Geschichte
Meist sind nicht die Menschen schwierig. Sondern die Dynamik zwischen ihnen.
Seitdem halte ich meistens kurz inne, wenn jemand sagt: „Mit dem musst du aufpassen. Der ist schwierig.“
Dann schaue ich kurz zu diesem Menschen. Und denke:
Vielleicht ist er gar nicht schwierig. Vielleicht kenne ich einfach nur seine Geschichte noch nicht.