Heute, am 4. März, ist Welt-Adipositas-Tag. Und ich möchte diesen Tag nutzen, um über etwas zu sprechen, das viel zu oft mit einem Schulterzucken abgetan wird: Adipositas – und was wirklich dahintersteckt. Nicht mangelnde Disziplin. Nicht zu wenig Ehrgeiz. Sondern eine komplexe, chronische Erkrankung, die nach wie vor missverstanden wird.
Inhaltsverzeichnis
17 Millionen Menschen.
Eine chronische Erkrankung. Und immer noch zu viele Vorurteile.
In Deutschland leben rund 17 Millionen Menschen mit Adipositas. Das sind nicht 17 Millionen Menschen, die einfach zu viel Pizza essen und sich zu wenig bewegen. Das sind 17 Millionen Menschen mit einer medizinisch anerkannten chronischen Erkrankung – eingestuft von der Weltgesundheitsorganisation, anerkannt vom Deutschen Bundestag seit 2020.
Adipositas entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aus Genen, Hormonen, Psyche, sozialem Umfeld und Umweltfaktoren. Wer das auf „zu wenig Willenskraft“ reduziert, liegt schlicht falsch.
Und ja, das sage ich mit voller Überzeugung.
Ab wann spricht man eigentlich von Adipositas?
Kurz zur Orientierung: Adipositas beginnt ab einem BMI von 30 – und unterscheidet sich damit klar vom Übergewicht (BMI 25–30), welches eine Vorstufe sein kann, aber keine Erkrankung ist.
Den BMI allein sollte man übrigens nicht überbewerten. Er ist ein Orientierungswert – kein Urteil, kein Stempel, kein ganzes Bild. Für eine echte Einschätzung braucht es immer den Blick einer Ärztin oder eines Arztes.
Was Adipositas so bedeutsam macht: Mit steigendem Grad steigt auch das Risiko für Begleiterkrankungen – Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe, bestimmte Krebsarten. Das macht sie zu einer Erkrankung, die ernst genommen werden muss. Medizinisch. Gesellschaftlich. Und in unserer Sprache.
Hier erfährst du mehr zu „Bin ich übergewichtig?“
Food Noise
Wenn der Kopf einfach nicht stillhält
Jetzt kommt das Thema, das mich persönlich am meisten bewegt, wenn ich darüber lese: Food Noise.
Kennst du das Gefühl, wenn du eigentlich an etwas ganz anderem arbeitest – aber irgendwo im Hintergrund läuft dauernd ein Film über Essen? Nicht weil du Hunger hast. Einfach so. Gedanken, die kreisen. An den Kühlschrank, an das Stück Kuchen von gestern, an das, was es später geben könnte.
Bei Menschen mit Adipositas kann dieses Phänomen besonders ausgeprägt und belastend sein. Die Hunger- und Sättigungsregulation im Körper ist bei Adipositas oft gestört – unter anderem, weil das Fettgewebe selbst Signale sendet, die das Gleichgewicht durcheinanderbringen. Dazu kommen Stress, Emotionen, Gewohnheiten und Umweltreize, die das System zusätzlich befeuern.
Das Ergebnis: ein innerer Lärm, der kaum aufhört.
Und weißt du, was dieser Lärm anrichtet? Er macht nicht nur müde und unkonzentriert. Er produziert Schuldgefühle. Das Gefühl: Ich bin schwach. Ich schaffe das nicht. Warum können andere das, und ich nicht?
Dabei ist Food Noise kein Charakterfehler. Es ist ein Symptom.
Raus aus der Schuldspirale – rein in einen echten Behandlungsansatz
Das Gute: Es gibt wirksame Wege, diesen inneren Lärm zu reduzieren. Manchmal sogar vollständig.
Was funktioniert, ist kein schnelles Wundermittel – sondern ein mehrdimensionaler Ansatz, der die Person in den Mittelpunkt stellt, nicht die Kalorienbilanz. Konkret bedeutet das: eine Ernährung, die sich nach dem Körper richtet statt gegen ihn. Bewegung, die machbar ist – nicht als Strafe, sondern als Regulierung. Verhaltenstherapie, die Muster sichtbar macht, die sich über Jahre eingeschliffen haben. Und in manchen Fällen medikamentöse Unterstützung unter ärztlicher Begleitung.
Was mich daran fasziniert: Betroffene berichten oft, dass sich zuerst etwas im Kopf verändert – bevor sich das Gewicht bewegt. Der innere Lärm wird leiser. Und damit verändert sich alles andere.
Viele Betroffene berichten nach einer erfolgreichen Behandlung von etwas, das sie lange nicht kannten: Ruhe im Kopf.
Ich finde, das sagt alles.
Das, was ich mir wirklich wünsche
Ich wünsche mir, dass dieser Tag mehr ist als ein Hashtag. Dass Menschen aufhören, Adipositas als Frage der Willenskraft zu behandeln – sich selbst gegenüber genauso wie anderen gegenüber.
Adipositas ist eine Erkrankung. Kein Versagen. Keine Schwäche. Und wer davon betroffen ist, verdient einen Behandlungsansatz, der ihn als ganzen Menschen sieht.
Quellen: WHO, Robert Koch-Institut, World Obesity Atlas 2023, GEDA-Studie 2019/2020